Heutzutage haben Eltern die riesengroße Chance, die Erziehung an den eigenen Werten auszurichten. Ich kann Erziehung so gestalten wie es mir vorkommt, dass es mir gerecht wird. Schwierig daran ist allerdings, dass ich das sozusagen „alleine aus dem Hut zaubern“ muss. Ich soll meinen persönlichen Erziehungsstil als Mutter oder Vater in der Jetztzeit praktizieren, bin aber in einer ganz anderen Zeit sozialisiert. Das zu überwinden, ist enorm schwierig. Wie kann ich mich als Elternteil verwandeln, um das zu leisten?

 

Das heißt aber, die Erziehung beginnt bei mir als Elternteil.

Das ist es. Es wird sehr viel darüber gesprochen, dass Kinder Grenzen brauchen. Jesper Juul, dessen Schüler ich bin, sagt dazu leicht provozierend: „Kinder brauchen keine Grenzen, Kinder haben Grenzen“. Das heißt, Kinder sind darauf angewiesen, dass sie statt Grenzen Klarheit bekommen. Ich sage nicht: „Tu dies und tu das!“ und grenze damit die Dinge ein und be-grenze den anderen. Stattdessen bleibe ich bei mir: „Das will ich und das will ich nicht, da bin ich dabei und da bin ich nicht dabei“. So finde ich heraus, was für mich passt und wo meine eigene Grenze verläuft. In dem Maße ist es dann für den anderen möglich, auf meine Grenze zu reagieren und zu kooperieren. Das wäre auch gleichzeitig eine Bedingung dafür, ein Miteinander in Beziehung zu leben. Allerdings ist es schwierig, herauszufinden – und das klingt ganz ungewöhnlich - , wer ich eigentlich bin, was ich will und was ich nicht will. Meine Grenzen herauszufinden funktioniert nicht, indem ich überlege und reflektiere, sondern indem sie verletzt und überschritten werden. Dann im Konflikt wird es mir klar.

Eine kleine Zeichnung zum Thema Grenzen und Integrität mag ich besonders gerne. Da ist ein Mann zu sehen, ein Vater, mit seiner Tochter. Die beiden bauen einen Zaun, der beide trennt. Der Vater erreichtet den Zaun um sich und das kleine Mädchen hat einen fröhlichen Gesichtsausdruck und hilft mit. Was brauchen denn die Kinder? Wenn wir den Begriff Grenzen im Blick haben, dann brauchen sie Grenzen oder Klarheit der Erwachsenen, um sich auszukennen. Wir sollen ja nicht komplett auf die Kinder zentriert sein. Das wollen sie nicht, da können sie sich nicht gut entwickeln. Die Kinder wollen von den Erwachsenen sehen, wie es geht, erwachsen zu werden, wie sie miteinander umgehen, im Streitfall Konflikte lösen und so weiter. Auf diese Art werden wir sozusagen zu Modellen. Ich kann deshalb nicht sagen „schau gut auf dich“, wenn ich selbst nicht gut auf mich schaue.

 

Wie kann ich all das im Alltag mit Kindern verwirklichen, die viel fordern oder meine Grenzen nicht respektieren? Wenn Kinder besonders herausfordernd sind, kann es für Eltern schwierig werden, die eigenen Grenzen im Alltag nicht zu verlieren.

Es gilt wirklich im Alltag herauszufinden, wer ich bin, wenn ich mit dem Kind zusammen bin. Dass ich Bescheid weiß, was für mich wichtig ist, wo ich mich entspannen kann, wo ich zu meiner Mitte finde und in meiner Mitte ruhen kann. Dann ist es möglich, auch einem Kind zu begegnen, das ganz andere Konzepte hat. Das gilt auch für Kinder, die schon sehr belastet aus anderen Kontexten zu mir kommen, wie das in Pflegefamilien oft der Fall ist. Dann ist es möglich, dass ich einmal zuhören kann, einen Dialog führen oder einfach nur präsent bin. Wenn ich das In-mir-Ruhende habe, kann ich mich weit zum anderen hinauslehnen und zu denen, die stark ausgeprägte Bedürfnisse haben. Dass das natürlich Zeit, Mühe und Ausdauer kostet, bleibt alles. Das kann nicht weggeatmet oder wegdiskutiert werden.

Zur Frage nach der Praxis gehören auch jene Elemente, die Kinder nicht hundertprozentig brauchen. Manche sagen, dass wir in einer überstimulierten Zeit leben. Wenn Kinder vom Kindergarten, von der Schule oder vom Hort nach Hause kommen, haben sie schon unglaublich viel erlebt und getan. Unser Sohn antwortete einmal auf die Frage, wie es im Kindergarten war: „Zuerst haben wir singen müssen. Dann haben wir basteln müssen. Dann haben wir ausschneiden müssen…“. Die Kinder kommen überstimuliert nach Hause und ganz schnell fällt der Satz: „Wie geht es jetzt weiter? Mir ist so langweilig“. Eltern könnten dann antworten: „Okay, dir ist langweilig. Dann bin ich einmal gespannt, was dir einfällt.“ Nach zwanzig bis dreißig Minuten Langeweile, die man übertauchen muss, fängt Kreativität an. Dann kann das Kind in seine Mitte entlassen werden. Das ist wiederum nur möglich, wenn ich selbst auch meine Mitte gefunden habe. Insofern klingt das wieder nach Einfachheit, wenn man es so sehen kann.

 

Wenn wir uns drei Kernbegriffe für den Erziehungsalltag ansehen – „Grenzen“, „Konsequenz“ und „Präsenz“ – wie wichtig sind sie und welche Bedeutung haben sie?

Grenzen, Werte, Einstellungen oder Regeln waren früher ganz klar. Wenn sie nicht eingehalten werden konnten, gab es schnell einen Konflikt, destruktive Elemente und eine Verletzung des Selbstwerts. Heute ist es – wie gesagt – wichtig, die Grenze bei mir zu setzen. Ich kann keinen Wertekonsens übernehmen, der für alle gültig ist, sondern muss meine persönliche Grenze finden, diese artikulieren, für sie einstehen und sie auch einfordern. Das ist etwas ganz Aktives und nichts Einfaches. Aber mir selber gerecht werden ist natürlich auch etwas Wunderbares.

Was die „Konsequenz“ betrifft, hat Gordon schon 1978 in der „Familienkonferenz“ darauf hingewiesen, dass konsequent sein gar nicht geht. Er hat das zum Inkonsequenz-Prinzip erhoben und gesagt: „An einem Tag bin ich gut drauf und am anderen gestresst. So erlaube ich an einem Tag etwas und am anderen Tag ist es völlig in Ordnung, wenn ich es nicht erlaube.“ Kinder können das verstehen. Sie brauchen erwiesenermaßen nicht Prinzipien, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. Sie brauchen Beziehungen zu Menschen, bei denen sie sich auskennen: „Die Mama wird jetzt so und so denken, wenn sie sich so und so gibt“. Da gehört die ganze Palette von Gefühlen dazu.

Ideologien wie die Konsequenz kenne ich nur in Zusammenhang mit Strafe. Wenn etwas nicht erfolgt, dann hat es „Konsequenzen“. Das ist etwas sehr Unattraktives für ein Kind, aber auch für die Eltern. Meistens spreche ich von Konsequenzen, wenn ich nicht weiter weiß. Das ist dann der Beginn eines Machtkampfes. Manche sagen, dass ein Machtkampf immer zu Ungunsten der Erwachsenen ausgeht. Meine persönlichen Begriffe wären hier Achtsamkeit, Empathie, Präsenz und Dasein. Das bedeutet auf den Machtkampf gemünzt, dass ich mich – wenn Vorwürfe im Raum stehen – dem gar nicht aussetze, sondern sofort etwas entgegen stelle. Dabei gehe ich wiederum von mir aus. Dann muss ich gar nichts beim Anderen ändern, sondern ich ändere mich, indem ich mich nicht auf Beschimpfungen und Verletzungen der Integrität einlasse. Stattdessen bin ich bei mir. Ich bin mit meiner Achtsamkeit und Präsenz da und signalisiere, dass ich Änderung will oder was auch immer im Raum steht.

Ich erinnere mich gut an das Jahr 2008 als „Komatrinken“ ein großes Thema war. In diese Zeit fiel auch meine Ausbildung bei Jesper Juul, der erzählte, dass sie dieses Phänomen in Dänemark gut in den Griff bekommen hätten. Er sagte: „Die Erwachsenen sind bei den Jugendlichen wieder präsent“ und sie sind das nicht als besserwisserische und moralisierende Erwachsene. Stattdessen gibt es den Begriff der „Gleichwürdigkeit“, wenn wir uns in diesem Sinn nicht mit Vorwürfen, sondern mit Interesse, Wertschätzung und Präsenz unter die Jugendlichen mischen.

Bald war ich von dem Thema auch persönlich betroffen. Mein damals 17jähriger Sohn errichtete im Keller eine Bar und es kamen immer mehr Jugendliche zum „Vorglühen“ zu uns ins Haus. Es gab fast exzessiv Alkohol. Mir wurde es sehr eng, weil die Leute in der Umgebung mir so sehr vertrauten. Mein Name stand für „Sozialpädagogische Kinder- und Jugendbetreuung“ und meine Frau war eine beliebte Lehrerin. Ich spürte Handlungsbedarf. Doch Kontrollen machten die Jugendlichen nur noch raffinierter in der Einfuhr von hartem Alkohol. Ich erinnerte mich an die „Präsenz“ und meine Frau mache den ersten Schritt. Sie ging hinunter zur Kellerbar, mitten hinein und die Jugendlichen sprachen mit ganz breiter Zunge - aber bereitwillig mit ihr. Meine Frau empfahl mir, es ihr nachzutun. Und ich erlebte genau das Gleiche und war sehr berührt. Ich war als  Firmbegleiter im Gedächtnis der Jugendlichen geblieben und sie erzählten die ganzen Geschichten halb betrunken und klammerten sich fast an mich. Ich verstand die Bedeutung, wenn es heißt, die Väter sind nicht mehr da und überhaupt, die Erwachsenen sind nicht mehr greifbar.

Was ist also das Gegenmodell zum Machtkampf, wenn wir wieder daran anknüpfen? Das wäre Präsenz, Anwesenheit, auf keinen Fall Moralisieren oder Besserwissen, aber Interesse, sich die Welt erklären zu lassen. Dann sind Aggressionen vor allem Einladungen und das dahinter Liegende sind die Bedürfnisse der Jugendlichen, gesehen zu werden. Das gilt auch für Kinder. Oft ist das Schlafengehen ein Thema. Manche Kinder fühlen sich nie müde. Für sie ist es „bedrohlich“, ins Bett gehen zu müssen. Dann kann man sich einen Satz zurecht legen, der ungefähr so lautet: „Okay, solltest du aber müde werden, dann darfst du jederzeit ins Bett gehen – du hast die Erlaubnis.“ Damit ist die Luft raus.

Ich spreche hier aus eigener Erfahrung. Unser jüngerer Sohn war nie müde und brauchte viel weniger Schlaf als der Ältere. Wenn man sich das aus dieser Perspektive ansieht, wäre das auch eine Möglichkeit, die Dinge viel freier laufen zu lassen. Die Kinder wissen vieles, z.B. wann sie satt sind, was sie essen möchten, welche Frisur sie in der Pubertät tragen wollen… Bei all diesen Dingen geht es eigentlich um Nichts. Ich sage das natürlich als jemand, der sich gerade  in der Sicherheitszone befindet. Als mein naturblonder Sohn eines Tages mit kohlschwarz gefärbten Haaren nach Hause kam, war es auch bei mir mit der Gelassenheit dahin. Und das gehört dazu! Es ist gut, weil wir dann Menschen aus Fleisch und Blut und nicht konsequente Prinzipienmenschen sind. Natürlich ist das auch eine Frage des eigenen Anspruchs. Wir haben Probleme, weil wir perfekt sein wollen. Auch Perfektionismus wäre ein Feind des Ganzen.

 

Wobei der Perfektionismus im Fall von Pflegefamilien nicht nur von innen, sondern auch von außen kommt, weil Pflegefamilien eben immer auch „unter Beobachtung stehen“.

Auch in der "Kinder- und Jugendbetreuung" ist es so, dass man von außen beobachtet wird. Trotzdem bleibe ich dabei, dass es kontraproduktiv ist. Als Pragmatiker würde ich höflich bleiben, niemanden vor den Kopf stoßen, aber gegenüber den Beobachtern zu dem zurück kehren, was ich dargelegt habe. Perfektionismus kann ich nicht praktizieren, nur damit nach außen alles stimmig wirkt. Dann geht das Problem erst richtig los, wenn es nicht ohnehin längst da ist.

Das ist häufig eine Grundschwierigkeit in der "Kinder- und Jugendbetreuung": Eltern und Lehrer wollen, dass in der Schule alles funktioniert. Dann gibt es Schulverweigerung. Aber auch das ist eine Einladung. Leider wird sie nur selten angenommen und stattdessen werden fast nur Leistungen und Noten gesehen. Aber die Verletzungen der Integrität oder die Einladungen dahinter werden oftmals nicht gesehen.

Ich erinnere mich an eine Kindergartenpädagogin, die nach einem Vortrag zu mir kam, um mit mir den Fall des kleinen Felix zu besprechen. Er riss im Kindergarten alles an sich, war sehr impulsiv, nahm z.B. den  Mädchen den Kinderwagen weg und fuhr damit mitten durch die Gruppe. Ich vereinbarte einen Termin mit den Eltern und traf auf volles Engagement. Wir redeten zwei Stunden lang und ich kam auf nichts, wo ich einhaken konnte, z.B. dass der Vater sich zu wenig Zeit nehmen würde. Ganz im Gegenteil. Der Vater begleitete sogar eine Therapie mit dem Jungen und in der gemeinsamen Zeit war Felix sehr glücklich. Doch es veränderte die Situation nur kurzfristig. Die Eltern ließen außerdem das Essen auspendeln und organisierten für Felix eine Kampfausbildung die ebenfalls nur für kurze Zeit eine Besserung brachte. In unserem gemeinsamen Gespräch fanden die Eltern und ich gar keine mögliche Ursache für Felix auffälliges Verhalten. Ich schloss unser Gespräch mit den Worten: "Das darf ich eigentlich nicht sagen, aber mir kommt vor, Sie haben einen ganz normalen, gesunden Burschen."

Ich machte mir Vorwürfe, denn gleichzeitig war mir bewusst, dass seine Verhaltensweisen nicht akzeptabel waren. Beim nächsten Vortrag kam die Kindergartenpädagogin wieder auf mich zu und das schlechte Gewissen plagte mich. Doch wider Erwarten fragte sie mich, was ich denn mit den Eltern gemacht hätte. Sie erzählte mir, dass die Eltern auf der Heimfahrt glückselig gewesen wären und der Bub wie zum Positiven verwandelt sei. Nachdem die Eltern sich nie mehr bei mir gemeldet haben, kann ich nur einen Verdacht äußern. Ich vermute stark, dass die Eltern mit einem Schlag einfach ihr Kind "sehen konnten". Das muss dem Kind gegenüber gar nicht artikuliert werden. Es kam aus dem Innersten. Die Eltern waren glücklich, ein gesundes normales Kind zu haben.

All das wäre für mich im Begriff "Präsenz" enthalten. Präsenz heißt Annahme nicht wie es sein sollte oder wie ich es oft in der "Kinder- und Jugendbetreuung" erlebe. Hier sehen die Eltern die Zukunft der Kinder oft voller authentischer Sorge. Was die Kinder aber brauchen, ist eine Gegenwart. Mit dieser achtsamen Präsenz und Wertschätzung gibt es dann auch eine Zukunft.

 

Anfangs haben wir kurz darüber gesprochen, wie schwierig es ist, anders zu erziehen, als man selbst erzogen worden ist.

Da komme ich wieder auf Jesper Juul und sein Bild der Gleichwürdigkeit zurück. Bildlich gesprochen stehen alle Familienmitglieder nebeneinander am Siegerpodest auf dem ersten Platz. Doch wie kann ich das praktizieren, wenn ich in einer Befehls- und Anordnungswelt sozialisiert wurde? Wie kann ich mich als Elternteil verwandeln, um das zu leisten? Eine Möglichkeit wäre zu sagen, dass wir weder das Konzept unserer Kindheit brauchen, noch das Konzept von einem Elternratgeber, sondern dass wir uns gemeinsam entwickeln. Wir machen quasi einen dritten Weg.

Das ist ein Hit und das versuche ich auch in meiner Familie. Ich erinnere mich, als ich einmal mit meinem älteren Sohn, der sich in Ausbildung befand, zur Weißglut kam. Ich investierte Zeit, Mühe, Nachhilfe... und er merkte, sein eingeschlagener Ausbildungsweg geht jetzt nicht mehr so. Mir ging es dann schon so schlecht, ich bekam im Beruf erste Schwindelanfälle - dann explodierte es in einem Moment und ich warf ihm alles an den Kopf. Er sah mir sehr gefasst in die Augen und sagte: "Ja, so ein blödes Leben wie Du möchte ich später sowieso nicht." Ich habe das einzig Richtige gemacht, bin vier, fünf Schritte nach hinten gegangen und dann ins stille Kämmerlein. Ich habe mich verneigt, habe mir den Sohn vorgestellt und gesagt "Danke für diesen Sohn. Er spiegelt mir das, was ich wirklich will, nämlich ein besseres Leben." Das hatte Konsequenzen und wir veränderten viele Dinge. Zum Beispiel ist es heute anscheinend üblich, dass Eltern den Führerschein bezahlen. Wir haben es anders geregelt und bezahlten den Führerschein genau zu 50% nach Vorlage der anderen 50% in bar. Das war super! Unser Sohn hatte seinen Führerschein eben später und wie er das erspart hat, macht mir heute noch eine Gänsehaut. Da bin ich stolz auf uns alle.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Jutta Eigner.